Soll ich oder soll ich nicht

Ziele: Der Maßstab für gute Entscheidungen

Sich selbst Ziele zu stecken ist für jedes Unterfangen von Bedeutung, und eigentlich tun wir Menschen das auch automatisch. Wir erkennen etwas, das wir wollen, treffen die Entscheidung, es zu erreichen, und legen los. Aber das Stecken von Zielen sollte mit Bedacht erfolgen. Oft werden verschiedene Formeln gehandelt, die dabei helfen sollen, Ziele sorgfältige und SMART zu formulieren. Man kann sich darüber streiten, ob diese Formeln wirklich sein müssen. Für Entscheidungen sind Ziele deshalb wichtig, weil man damit überprüfen kann, ob gewählte Mittel und Wege auch dahin führen werden, wo man hin möchte. Und wie wichtig das sein kann, beschreibe ich im folgenden Fall.

Christine kam auf mich zu, weil sie in der Klemme steckte. „Ich weiß, was ich studieren will“, erzählte sie mir, „aber ich kann mich doch nicht durchringen, es zu tun. Ich bin mir unsicher.“ Sie erzählte weiter, dass sie bereits einen Studiengang ins Auge gefasst hatte, der ihr total Spaß machen würde. Da sei sie sich sicher. „Aber es gibt natürlich noch andere Studiengänge, die ich mir angeschaut habe. Die sind auch nicht uninteressant.“

“Ich bin mir unsicher“ kann heißen,…

… dass es Anteile im Menschen gibt, die unterschiedliche Vorstellungen haben in Bezug auf das Ziel. Mit Anteile können gemeint sein Kopf und Bauch oder aber auch unterschiedliche Persönlichkeitsanteile. Auch Normen der Ursprungsfamilie oder aus der Umgebung können soweit verinnerlicht sein, dass sie eine unausgesprochene Barriere bilden, die wir Menschen einfach nicht überspringen können.

Manchmal lassen sich diese unterschiedlichen Vorstellungen doch irgendwie vereinen, ein Kompromiss lässt sich finden. Aber gelegentlich liegen ganz konträre Zielvorgaben vor, für die es keinen Kompromiss gibt. Bei Christine wusste ich natürlich noch nicht, woran es lag, dass sie sich unsicher war. Vielleicht hatte sie in der Vergangenheit schlechte Entscheidungen getroffen und traute sich nicht mehr zu, gut zu entscheiden.

Ich fragte Christine zunächst, was genau ihr am gewählten Studiengang so gut gefallen würde. Ihre Augen leuchteten, als sie erzählte: „Die Themen sind toll. Dann gibt es ganz viel praktische Arbeit, und das gefällt mir. Ich möchte gerne etwas für die Zukunft lernen und mit Vorkenntnissen ins Berufsleben starten. Ich will nicht bei Null anfangen.“

Sie konnte weiterhin Gefühle benennen, die sie mit diesem Studiengang verband, hatte sich schon ausführlich alle Informationen angeschaut und war auch vor Ort an der Hochschule gewesen. Insgesamt machte sie einen gut informierten Eindruck, ganz wie jemand, der bewusst und aktiv entscheiden wollte. So gar nicht wie jemand, der sich unsicher sein sollte.

Was ist nun das Ziel?

Aus den bisherigen Informationen konnte ich nicht darauf schließen, was Christines Ziel denn nun wirklich war. Die Angabe, dass das Studium praxisorientiert war, schien mir wenig zu sein. Waren das die anderen Studiengänge so gar nicht? Aber warum waren sie dann trotzdem nicht uninteressant?

„Die anderen Studiengänge“, erklärte sie mir mit plötzlich nüchternem Blick, „sind eher so Standardstudiengänge. Sie sind halt nicht schlecht.“ Das klang erstmal wenig enthusiastisch. Und auf die Frage, ob nur die Praxisorientierung den präferierten Studiengang soviel besser machte, leuchteten die Auge wieder und sie sprühte vor Lebendigkeit: „Nein, da gibt es noch so viel anderes“, das sie mir dann auch gleich alles in blumiger Sprache aufzählte.

Hier war ganz klar zu sehen: Mit dem Herzen hing Christine an diesem einen Studiengang. Aber da war ein anderer Teil von ihr – vermutlich ihr Kopf -, der noch die anderen Studiengänge ins Spiel brachte.

An dieser Stelle stellte ich Christine das Konzept des bewussten und aktiven Entscheidens vor und wir begannen auch gleich damit, ihre Ziele bezüglich des Studiums aufzulisten. Es ging darum, später einen Maßstab zu haben, an dem wir alle genannten Studiengänge messen konnten.

Das Ziel als Maßstab

Man muss sich das so vorstellen: Wenn Sie sich entscheiden, eine Investition zu tätigen, dann in der Regel, weil Sie hoffen, dass die Geldanlage sich in irgendeiner Form auszahlen wird. Entweder durch Zinsen oder durch andere Vorteile, die sich vielleicht auch erst viel später ergeben werden. Möglicherweise in Form einer Immobilie, die Sie vermieten und dadurch Einnahmen generieren, und dann später selbst einziehen.

Aber vor einer solchen Investition stellt man sich schon die Frage, ob z. B. die gewählte Immobilie sich vermieten lässt. Finden Sie nämlich keinen Mieter dafür, dann gibt es keine Mieteinnahmen. Und dadurch haben Sie zumindest den Wunsch, Einnahmen zu generieren, nicht erfüllen können. Ärgerlich wird es möglicherweise dann, wenn Sie durch die Instandhaltungskosten eher noch draufzahlen müssen, und später feststellen, dass sie gar nicht in diese Immobilie einziehen können, vielleicht weil sie nicht altersgerecht ist.

Betrachtet man sich also das obige Beispiel stellen wir fest: Es gab das Ziel, Einnahmen durch Vermietung zu generieren (Ziel 1) und im Alter die Immobilie selbst zu bewohnen (Ziel 2). Und bei der Suche nach einer Immobilie versuchen wir jetzt, jedes einzelne Objekt, das zur Auswahl steht, an diesen zwei Zielen zu messen: Kann Ziel 1 erfüllt werden? Und wenn ja, kann auch Ziel 2 erfüllt werden?

So ähnlich ging ich nun bei Christine vor. Ich fragte sie, was Ihre Ziele waren, was der gewünschte Studiengang für sie leisten und was am Ende im Idealfall daraus entstehen sollte.

Wünsche in Ziele und Messkriterien umwandeln

Dabei stellte sich schnell heraus, dass Christine sehr konkrete Vorstellungen hatte. Sie wollte in einem bestimmten Bereich arbeiten, ihre kreativen Fähigkeiten einsetzen, viel Praxiswissen aus dem Studium mitbringen und nach Möglichkeit eine sichere Stellung antreten. „Sicherheit ist mir wichtig.“

Wir listeten also eine Reihe an Wünschen, Bedürfnissen und Zielen auf, die wir dann so umformulierten, dass sich die zur Auswahl gestellten Studiengänge auch wirklich daran messen lassen. Wer angibt, dass etwas „nicht teuer“ sein soll, definiert ja gar nicht, was das konkret bedeutet. Wie viel Euro pro Monat sind „nicht teuer“? 1 €? 5 €? Oder sind 1.000 € auch noch akzeptabel?

Am Ende hatten wir fast zehn Kriterien identifiziert und begannen, jeden einzelnen Studiengang an diesen zu messen.

Wunsch trifft Wirklichkeit

Bevor es mit der Überprüfung los ging, sortierten wir die Kriterien noch nach Wichtigkeit und gaben den Kriterien einzelne Gewicht, damit das, was wirklich ganz oben auf der Liste stand, auch den meisten Einfluss bekam.

Schon nach der Hälfte der überprüften Kriterien stellte sich heraus, dass der präferierte Studiengang zurückblieb. Er traf an vielen Stellen gar nicht die Kriterien, die wir erarbeitet hatten. Falten machten sich auf Christines Stirn breit und ihre Augen wurden feucht. „Das verstehe ich gar nicht. Dabei ist das doch mein Traumstudiengang.“

Wir sahen uns genau an, woran es lag, und stellten schnell fest: Sicherheit war Christine wichtig, und zwar in Form von Anstellbarkeit. „Ich will ja keinen Abschluss erlangen, der zwar schön ist, mich aber beruflich nicht weiterbringt“, hatte sie noch erklärt. Aber ihr Traumstudiengang, der erfüllte dieses Kriterium nur zum Teil. Denn es war unklar, ob man damit überhaupt eine Anstellung finden konnte. Zumindest auf eine spezifische Stelle bereitete er nicht vor.

All das führte dazu, dass der Studiengang einfach nicht die volle Punktzahl bekommen konnte. Stattdessen rangierte er irgendwo im Mittelfeld.

Wie mit dieser Enttäuschung umgehen?

Und das war die große Enttäuschung, die sich bei Christine breit machte. Vielleicht hatte sie es unbewusst schon befürchtet, sonst hätte sie gar nicht meine Hilfe gesucht. Bevor nun aber ihr großer Traum platzte, musste ich unbedingt etwas loswerden.

Denn eigentlich hatte sie großes Glück. Sie hatte die Möglichkeit genutzt, Klarheit zu erlangen, sowohl über ihre Wünsche und Bedürfnisse als auch über die realistischen Möglichkeiten. Jetzt hatte sie die Chance, diese Klarheit gewinnbringend einzusetzen.

Zum Beispiel hatte ich im Gespräch immer wieder den Eindruck gewonnen, dass sie zwar für ihren Traumstudiengang brannte, aber absolut gar kein Risiko eingehen wollte. Sie betonte immer wieder den Bereich Kreativität, obwohl keiner der drei ausgesuchten Studiengänge zu Berufen führen würde, die Kreativität erforderten. Insofern schlug ich ihr vor, sich nochmal Gedanken zu machen.

Neuausrichtung

Zum einen stellte ich offen die Frage, ob ihre Ziele so in Stein gemeißelt waren. Wenn der Traumstudiengang ihr wichtig war, aber keine Sicherheit lieferte, wäre es vielleicht an der Zeit sich zu fragen, wie viel Risiko sie doch bereit war einzugehen.

Zum anderen wollte ich sie auch ermutigen, die anderen Studiengänge nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hatte so viel Vorarbeit und Recherche beim Traumstudiengang geleistet, vielleicht wäre es an der Zeit, sich auch mal die anderen Studiengänge so genau anzusehen. Auch wenn sich dann herausstellen würde, dass diese ihren Wünschen nicht entsprechen.

Ziele als Maßstab, Ergebnisse als Wegweiser

Der beschriebene Fall zeigt also, wie nützlich Ziele bei der Entscheidungsfindung sind. Dabei sind Ziele nicht unbedingt brauchbar, um daran Entscheidungen zu messen. Stattdessen müssen Ziele erstmal in Maßstäbe umgewandelt werden, um die Passung von Entscheidungsoptionen messen zu können.

Aber auch wenn sich am Ende herausstellt, dass ein Ziel mit den gewünschten Optionen nicht erreicht werden kann, so herrscht doch Klarheit, die weiter genutzt werden kann. Nämlich einmal, um wirklich zu hinterfragen, ob die gewählten Ziele so beibehalten werden wollen. Zum anderen auch, um bei der Suche nach neuen Optionen behilflich zu sein. Für wen Sicherheit ein absolutes Muss ist, der kann im Voraus eine Menge an Möglichkeiten ausschließen und braucht sich nur mit einer kleinen Anzahl an Optionen wirklich genauer auseinanderzusetzen.

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Autor

Hier blogge ich über Entscheidungen. Über solche, die schwierig, dringend, belastend sind, und ja, auch über solche, die Angst machen und schlaflose Nächte verursachen. Mir ist das bewusste, aktive Entscheiden wichtig geworden, weil es das Leben auf lange Sicht angenehmer macht. 😉 Wenn Sie mögen, können Sie sich hier zum Newsletter anmelden