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Was falsche Entscheidungen mit Vergeben zu tun haben

Ich bin mir sicher, dass wir alle schon einmal eine falsche Entscheidung gefällt haben. Manchmal ist das nicht schlimm, weil die Konsequenzen nicht so sehr schmerzen, z. B. wenn man so etwas Banales wie einen extravaganten Haarschnitt gewählt hat, der aber furchtbar aussieht. Aber manchmal kann eine Fehlentscheidung auch ernstere Konsequenzen nach sich ziehen. Und am Ende ist das Bedauern dann groß. Aus einer solchen Erfahrung zu lernen und sie dann abzuhaken, wäre die Ideallösung. Genau da kommt Vergeben ins Spiel.

„Es war die falsche Ausbildung, die ich gewählt habe“, verkündete der Klient im ersten Gespräch. Er erklärte damit eine Menge an Dingen, die in seinem Leben in den letzten Jahren schief gelaufen waren. Aber vor allem sah er diese Fehlentscheidung als Grund, warum nun alles so bleiben müsste, wie es ist. Ein krasser Fehlschluss, wie ich finde.

Fehlentscheidungen blockieren

Was ich hier skizziert habe, ist ein alltäglicher Fall: Menschen finden sich in Situationen wieder, die sie zum Teil oder gänzlich selbst herbeigeführt haben. Für manche ist das ein klarer Fall von „selbst schuld“. Was dann folgt, ist das täglich Brot von Beratern, Coaches und Therapeuten: Den jeweiligen Menschen trotz dieser schlechten Erfahrung dazu zu motivieren, aus ihrem selbst gewählten Gefängnis auszusteigen, eine neue Entscheidung zu wagen, die Veränderung anzupacken. Denn allzu oft ist die Fehlentscheidung zum Bremsklotz geworden, der sich zwischen den Menschen und jede neue Entscheidung zwängt.

Der Umgang mit Bremsklötzen

Letztlich ist es so, dass eine Fehlentscheidung nicht ungeschehen gemacht werden kann. Im Grunde ist es also so, dass wir mit der Tatsache, dass wir a) einen Fehler gemacht und b) damit einen Weg eingeschlagen haben, der uns unglücklich gemacht hat, leben müssen. Im ersten Moment scheint es also gar nicht viele Möglichkeiten zu geben, wie man nun mit dieser Erfahrung langfristig umgeht. Oft setzen wir Menschen da auf das Prinzip „Zeit heilt alle Wunden“ oder unseren Verdrängungsmechanismus.

Aber gerade im Gespräch mit Klienten und Freunden stelle ich immer wieder fest, dass dieser passive Umgang letztlich nur zu Schulterzucken führt. „Was hätte ich tun sollen? Ich habe eben einfach versucht, weiterzuleben“, heißt es dann schon mal. Im Grunde versäumen wir es, dieser Erfahrung ins Auge zu blicken. Und genau das gibt diesen Bremsklötzen oft ein so starkes Gewicht. Sie bleiben nämlich trotzdem bei uns und fordern unsere Aufmerksamkeit. Und das wissen wir. Wie der Klient von oben es tut, wird der Bremsklotz wie ein schlafender Hund behandelt: Bloß nicht in die Nähe kommen, auf gar keinen Fall wecken! Und immer schön wichtige Entscheidungen vermeiden.

Vergebung als Alternative

Es stellt sich aber die Frage, wie wir sonst mit einer Fehlentscheidung umgehen sollen. Es gibt da sicherlich viele Möglichkeiten: von Verschweigen über offenes Bedauern hin zur direkten Konfrontation. Ich habe da schon recht humorvolle Zeitgenossen erlebt, die ihre krassesten Fehlentscheidungen in Witze gepackt haben. Auch wenn sie gerne zugeben, dass die Erfahrung an sich gar nicht so witzig war.

Leider erlebe ich recht selten, dass die Menschen sich eine krasse Fehlentscheidung selbst vergeben. Die wenigsten können später ehrlich sagen: „Ich hab’s verbockt und hab’s mir selbst verziehen.“ Es gibt schon viele Leute, die zugeben, schwer an dieser Erfahrung geknabbert zu haben. Aber oft kommt außer einem Schulterzucken und einem plötzlichen Verstummen wenig zurück.

Was bedeutet Vergeben hier konkret?

Nach Fehlentscheidungen erlebe ich häufig, dass Menschen sich selbst gegenüber nachtragend sind. Das kann sich darin äußern, dass man sich selbst die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, abspricht. Oder sich selbst bestraft, indem man in einer Situation, die man alleine herbeigeführt hat, verharrt, auch wenn das sonst niemand fordert. Auch zum Verdrängen, Verneinen oder Leugnen von Fehlentscheidungen kann es kommen, weil es zu schmerzhaft ist, sich mit der eigenen Verantwortung an der Misere konfrontiert zu sehen.

Es geht beim Vergeben darum, dass man sich selbst das frühere Verhalten nicht nachträgt.

Das bedeutet nicht, dass man

  • vergisst, was passiert ist. Im Gegenteil. Es ist gut, sich an diese Situation zu erinnern, um für die Zukunft bessere Entscheidungen treffen zu können.
  • die eigene Verantwortung beiseite schiebt. Auch das wäre falsch, weil wir damit die Chance vertun, an der Fehlentscheidung persönlich zu wachsen.
  • die Folgen einfach hinnimmt. Auch wenn die Fehlentscheidung nicht rückgängig gemacht werden kann, so gibt es möglicherweise Wege, die Folgen abzumildern.
  • gut finden muss, wie man entschieden hat. Vergeben ist keine Aufforderung, die eigene Wahl rückwirkend als positiv darzustellen. Wenn sie falsch war und das schmerzt, darf die Entscheidung immer noch als falsch angesehen werden.
  • verleugnet oder rechtfertigt, was passiert ist.

Stattdessen geht es beim Vergeben darum, Groll und Wut auf sich selbst zu überwinden. Das Gefühl, selbst schuld zu sein, kann erdrücken und enorm blockieren, wie wir oben schon gesehen haben. Es geht darum, nach der schlechten Erfahrung und den daraus resultierenden Schuldgefühlen, wieder besser leben zu können. Es bedeutet auch, sich selbst nicht für alle Ewigkeit als Opfer der eigenen Unfähigkeit, Dummheit oder Naivität zu fühlen. Denn das macht es fast unmöglich, neue Wege zu gehen und positive Erfahrungen zu machen.

Trauer nach Fehlentscheidungen zulassen

Um nochmal auf das Beispiel vom Klienten mit der falschen Ausbildung zurückzukommen. Für mich zeigen sich in diesem Beispiel zwei Dinge:

Erstens, dass der Klient sich nicht vergeben hat, sich stattdessen sogar für seine Fehlentscheidung bestraft. Das ist sicherlich die härteste Form des Umgangs mit Fehlentscheidungen, illustriert aber gut, was ich oben gesagt habe: Neue, positive Erfahrungen bleiben ihm damit verwehrt und er findet sich wieder in einem Kreislauf aus Schuldgefühlen, Bestrafungsgedanken, miesen Arbeitsbedingungen, die dann wieder zu mehr Schuldgefühlen und Bestrafungsgedanken führen.

Zweitens zeigt sich, dass der Klient seinen ganz persönlichen Trauerprozess nicht abgeschlossen hat. Denn tritt eine Fehlentscheidung zu Tage, dann geht das häufig auch damit einher, dass Wünsche, Träume und Visionen sich als nicht realisierbar herausstellen. Damit verbunden ist häufig das Gefühl von Verlust. Und wie beim Tod eines lieben Menschen, hat man auch hier das Gefühl, dass die eigenen Pläne unwiderbringlich zerstört sind.

Und wie auch beim Tod eines Menschen oder Haustieres, so kommt es auch hier zum Einsetzen von Trauer, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit. Viele befinden sich in einer Art Schockzustand, der sich erst mit der Zeit auflöst.

Es gibt verschiedene Modelle, die den Ablauf des Trauerns beschreiben. Allen gemein ist, dass man sich zu Beginn mit einem Verlust konfrontiert sieht, den man entweder nicht wahrhaben will oder nur schwer verkraften kann.

In einer weiteren Phase versuchen wir Menschen dann auf unterschiedliche Weise mit den überbordenden Gefühlen des Verlustes umzugehen: Die einen versuchen es mit Selbstkontrolle – Emotionen werden unter dem Deckel gehalten oder gegen sich selbst gerichtet. Andere wiederum gehen offen mit Angst, Wut und Zorn um und können damit auch anderen Menschen zu nahe treten. Oft verausgaben sich die Menschen dann und gelangen an einen Punkt, an dem sie sich zurückziehen. Entweder, weil sie kraftlos sind und einfach nicht weiter wissen, oder weil sie tief in ihrem Inneren eine Art Scheinwelt aufgebaut haben, in der die eigenen Wünschen und Träume noch lebendig sind und eine Art Eigendynamik entwickelt haben. Oft ziehen sich Menschen in dieser Phase aus dem Leben zurück.

Erst, wenn die Trauernden nach einiger Zeit sehen, dass sie sich nicht selbst helfen können, aber den Wunsch verspüren, wieder am Leben teilzuhaben, beginnen sie Anpassungen vorzunehmen.

Den Trauerprozess durch Vergebung abschließen

Ich sehe den Schritt der Vergebung daher als einen wichtigen Schritt, den Trauerprozess abzuschließen. Nicht nur ermöglicht dies, sich von heftigen Gefühlen in Bezug auf die eigene Fehlentscheidung zu trennen, sondern auch den Schritt zurück in die Realität zu wagen. Auch wenn eine falsche Entscheidung bedeutet, dass wir unseren gewünschten Lebensweg selbst verbaut haben, so bedeutet dies aber nicht, dass wir nicht einen neuen Lebensweg finden oder bauen können.

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Autor

Hier blogge ich über Entscheidungen. Über solche, die schwierig, dringend, belastend sind, und ja, auch über solche, die Angst machen und schlaflose Nächte verursachen. Mir ist das bewusste, aktive Entscheiden wichtig geworden, weil es das Leben auf lange Sicht angenehmer macht. 😉 Wenn Sie mögen, können Sie sich hier zum Newsletter anmelden