Was ist eigentlich eine Krise?

Krise

Ich hatte nicht gemerkt, dass ich in einer Krise steckte, bis ich nach mehreren Monaten immer wiederkehrender Infekte und Krankheiten einfach nicht mehr konnte. Mir wurde ab dem Zeitpunkt auch klar, dass es sich hier nicht einfach um einen „verschleppten“ Infekt handelte, der einfach nur mehr Zeit benötigen würde. Nach fast einem halben Jahr war auch für mich zu sehen, dass ich schlichtweg fertig war und mein Körper mir Signal um Signal schicken musste, ehe ich es verstand. Es auszusprechen war gleichzeitig niederschmetternd und erleichternd. Und das erste Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, dass ich etwas anders machen musste.

Die Krise als Tiefpunkt

Was ich oben beschrieben habe, war meine erste persönliche Krise, die ich nicht erst im Nachhinein als eine solche beschreiben würde. Alle meine Krisen zuvor konnte ich erst als solche benennen, als ich sie schon länger hinter mir gelassen hatte. Insofern waren für mich Krisen bis zu diesem Zeitpunkt etwas, was man erst später feststellte.

Wenn Menschen zu mir kommen und um Hilfe bitten, dann sagt nicht jeder: „Ich stecke in einer Krise“. Manche Menschen fühlen sich von der Deutung Ihres Zustandes als Krise nicht besonders angetan. „So schlimm ist es dann auch nicht“, höre ich manchmal. Es gehe gerade eben „etwas schwerer“, man müsse „halt kurz nachdenken, wie es weitergehen soll“.

Dennoch beschreiben viele den Zustand der Krise als persönlichen Tiefpunkt. Man sei jetzt ganz unten angekommen, wisse nicht mehr weiter und wäre verzweifelt. Ist die Krise also ein Zustand, in dem es nicht mehr weitergeht?

Die Krise als Entwicklungsaufgabe

Schon Freud sah, dass sich das Kind von der Geburt bis in die Pubertät in Phasen entwickle und vor verschiedene Aufgaben gestellt werde. Erst ein späterer Vertreter der Psychoanalyse, Erik H. Erikson, nannte diese Entwicklungsaufgaben dann Krisen.

Er sah die Entwicklung des Menschen von der Geburt bis ins hohe Alter als eine Aneinanderreihung verschiedener Herausforderungen, die er als „normative Krisen“ beschrieb. Aufgaben also, die jeden Menschen herausforderten, weil sie von ihm etwas abverlangten, was der Mensch erst noch lernen musste. Gelang es, den Entwicklungsschritt erfolgreich hinter sich zu bringen, so war die Belohnung ein weiterer Baustein, der später – zum Ende des Lebens hin – in der Ich-Integrität enden würde. Man könnte es als „Unverletzlichkeit des Ichs“ übersetzen.

Aber was geschah, wenn man die Entwicklungsaufgabe nicht bewältigte? Laut Erikson würden dann bestimmte Fähigkeiten nur unzureichend ausgebildet – z. B. das Eingehen intimer Beziehungen – oder der Blick auf das eigene Selbst kritisch ausfallen – z. B. in Form von nagenden Selbstzweifeln.

Letztlich sah Erikson eine Krise als eine Lernerfahrung, die von einem Menschen abverlangt, neue Fähigkeiten anzuwenden und möglichst zu meistern, um sie dann als Teil des eigenen Ichs zu verstehen und zukünftig effektiv nutzen zu können. Allerdings bedeutet dies auch, dass ein Scheitern in einer Entwicklungsstufe zu einem Defizit führt. Dieses Defizit dann macht es schwieriger, die nächste Entwicklungsstufe erfolgreich zu durchlaufen. Demnach kann eine nicht überstandene Krise auch langfristige Folgen haben.

Man kann es auch so beschreiben: Wenn Sie einen Entwicklungsschritt erfolgreich durchlaufen haben, werden Sie mit einem Werkzeug belohnt, dass jetzt in Ihrer Werkzeugkiste liegt und das Sie von nun an immer parat haben. Scheitern Sie in einem Entwicklungsschritt, fehlt Ihnen ein Werkzeug, das Sie zukünftig durch andere Dinge ersetzen müssen: zum Beispiel einen höheren Zeitaufwand für die Lösung von Problemen, den Einsatz von Werkzeugen, die eigentlich für diese Art der Arbeiten nicht gedacht waren oder andere um Unterstützung bitten.

Die Krise als Chance: Fakt oder Blödsinn?

In anderen Worten: Krise heißt, dass man mit neuen Umständen konfrontiert wird, die die Nutzung anderer Verhaltens- oder Herangehensweisen erfordern, als man das bisher gewohnt war. Damit ist eine Krise eine Herausforderung, die man am besten besteht, in dem man etwas lernt. Dieses Lernen bedeutet damit auch, dass die bisherigen Verhaltens- und Lösungsstrategien kritisch hinterfragt werden müssen. Denn offensichtlich bringen sie einen nicht weiter.

Wer aber in einer Krise steckt, empfindet das selten so. Stattdessen ist das Leben sozusagen stehen geblieben. Der Tiefpunkt, an dem man angelangt ist, ist unerträglich. Und nirgendwo gibt es einen Ausgang, keine Tür führt wieder „nach oben“ in den Normalzustand. Es fühlt sich wie ein Gefängnis an – was genau soll man hier bitteschön denn lernen?

Nichts was man tut hilft. Stattdessen rennt man gegen unsichtbare Wände und holt sich eine blutige Nase. Dies als Lernaufgabe zu verstehen, ist die tatsächliche Herausforderung. Wer also seinen Zustand als eine Krise erkennt und definiert, der hat zumindest mal verstanden, dass die Situation jetzt eine andere ist, als man sie bisher kennt. Der eine oder andere wird vielleicht auch verstanden haben, dass er mit Bordmitteln nicht wieder aus der Krise herauskommt.

Die Chance einer Krise besteht darin, dass man die Aufgabe, die sich stellt, annimmt und zu meistern versucht, was sicher nicht einfach ist. Und manchmal spricht das Ergebnis erst nach einiger Zeit für sich.

Ist Krise erkennen = Krise lösen?

Es wäre schön, wenn schon das Erkennen einer Krise schon die Lösung wäre. Ist es leider nicht, zumindest nicht vollständig. Wenn wir Krisen als Entwicklungsschritt definieren, dann gehört zur Lösung auch eine Art von Entwicklung.

Es ist auch relativ einfach, bei anderen Menschen zu erkennen, welcher Entwicklungsschritt notwendig wäre, damit diese aus ihrer eigenen Krise herauskommen. Aber wenn man selbst betroffen ist von der Krise, dann offenbart sich dieser Entwicklungsschritt selten auf den ersten Blick.

Es ist also Teil der Krise, dass man selbst herausfinden muss, welchen Entwicklungsschritt man machen muss. Meist ist dieser nicht so klar erkennbar. Entweder man ist der Überzeugung, schon alles wichtige zu wissen, was man benötigt, oder aber man glaubt, dass ein bestimmter Entwicklungsschritt nicht relevant für das vorliegende Problem ist. Meistens denkt man das dann, wenn jemand anderer mit dem Finger auf die Entwicklung zeigt, die man durchlaufen müsste.

Kommen wir nochmal zum Ausgangspunkt dieses Artikels: Die Krise kann man als Zustand verstehen, in dem die eigenen Verhaltens- und Lösungsstrategien nicht mehr greifen. Erlebt wird die Krise oft als Stillstand oder Tiefpunkt. Irgendwie geht es nicht weiter, es scheint kein Entrinnen zu geben und egal was man tut, es hilft nicht. Erkennt man eine Krise als Aufforderung, etwas zu lernen oder sich zu entwickeln, hat man zumindest schon mal begriffen, dass es so wie bisher nicht weiter geht. Allerdings reicht das manchmal nicht. Denn oft muss man dann auch herausfinden, WAS genau sich entwickeln und was man lernen muss. Erst, wenn man auch die Notwendigkeit erkannt hat, diesen Entwicklungsschritt zu bewältigen – und wenn man ihn tatsächlich dann bewältigt – hat man die Krise erfolgreich überstanden.

Dieses Blog behandelt verschiedene Themen, die mir in meiner Arbeit mit meinen Klienten immer wieder unterkommen. Krisen, die Suche nach Stärken, der Umgang mit Schwächen, schwierige Entscheidungen treffen, Verhalten verändern, emotionalen Abstand gewinnen - all das treibt meine Klienten um. Dieses Blog ist ein Sammelwerk der Dinge, denen ich in meiner Arbeit begegne. Haben Sie Fragen zu meinen Artikeln oder Themenwünsche, dann schreiben Sie mir! Ich würde gerne erfahren, was Ihnen beim Lesen meiner Artikel durch den Kopf geht.