Krise erkennen: Woran macht man Krisen fest?

Krise erkennen

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie leben irgendwo in einer einsamen Ecke der Welt. Alleine. Nun geht Ihnen etwas kaputt und Sie müssen dieses etwas – ein Gerät, ein Fahrzeug oder einen anderen Gegenstand – dringend reparieren, weil es für Ihr Überleben wichtig ist. Sie haben einen Koffer voller Werkzeuge, aber leider niemanden, der Ihnen sonst helfen kann. Ab wann würden Sie sagen: „Ich krieg die Krise, denn ich kriege diese Reparatur nicht hin?“:
A) Sofort nachdem Ihnen der Defekt aufgefallen ist.
B) Wenn Ihnen klar wird, dass Sie die Reparatur selbst bewerkstelligen müssen.
C) Nach ersten erfolglosen Reparaturversuchen.
D) Erst wenn Sie alles auf den Kopf gestellt, alle ihre Werkzeuge zweckentfremdet und die abwegigsten Lösungsversuche unternommen haben und immer noch nicht weitergekommen sind.

Welcher Antworttyp sind Sie?

Haben Sie im obigen Szenario Antwort A, B, C oder D gewählt? Das trägt entscheidend dazu bei, wie Sie Ihre Krise erkennen. Denn letztlich entscheiden Sie selbst, ob Sie den aktuellen Zustand Krise nennen wollen oder nicht. Ist Krise also letztlich Definitionssache?

Weitestgehend. Denn verschiedene Menschen haben unterschiedliche Belastungsgrenzen und damit auch unterschiedlich große Spielräume, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Es gibt ein paar Faktoren, die Ihnen helfen eine Situation als Krise zu erkennen:

1. Ihre Bewertung der Situation

Fanden Sie das oben genannte Szenario etwas abgehoben? Wenn ja, was fanden sie unrealistisch? Dass ich von einer einsamen Personen sprach, die nicht um Hilfe bitten kann und auf sich alleine gestellt ist? Dann kann es sein, dass Ihre Bewertung lautet: „Passiert in der Realität so gar nicht, ist damit definitiv nicht als Krise zu erkennen.“

Möglicherweise aber hat Sie an der obigen Situation gestört, dass es um ein technisches Thema ging. Vielleicht haben Sie gleich gesagt: „Klar werde ich die obige Situation als Krise erkennen, weil ich technisch nicht so gut bin. Aber das gilt ja nicht für alle Themen.“ Und so ist es auch.

Ihre persönliche Bewertung wird verschiedene Maßstäbe enthalten. Zum einen wird der Kontext wichtig sein, nämlich ob Sie glauben, dass diese Situation Ihnen mehr oder weniger liegt. Auch die Frage, ob Sie für Ihre Situation Hilfe erbitten können oder nicht wird nicht unwichtig sein. Damit bewerten Sie eigentlich die Lösungsstrategien und Hilfsmittel, die Ihnen zur Verfügung stehen.

Auch Ihre persönlichen Kenntnisse und Erfahrungen spielen eine Rolle bei der Bewertung. Sie haben schon mal drei Monate in einem Sozialprojekt im Amazonas verbracht und haben unter den widrigsten Umständen gelebt? Dann ist das obige Szenario für Sie vielleicht ganz weit weg von einer Krise. Situationen, die Ihnen eher vertraut sind, werden nicht so schnell zu einer Krise wie solche, die Ihnen vollkommen unbekannt sind.

2. Ihre Frustrationstoleranz

Nehmen wir an, Sie wären technisch sehr versiert und hätten eine Menge an Werkzeug zur Verfügung. Dann würde die obige Situation vielleicht nie zur Krise werden. Andererseits passiert nun folgendes: Sie verletzen sich während der Reparatur die Hand und plötzlich bricht ein Unwetter über Sie ein.

Jetzt kann es sein, dass Ihre technischen Fähigkeiten einfach nicht weiterhelfen. Denn plötzlich sind Sie mit zu vielen widrigen Umständen konfrontiert. Damit wird plötzlich auch das, was Sie früher gut bewältigen konnten, zu einem Problem.

Sie sind schneller frustriert, als Sie es früher gewesen wären und das wirkt sich auch auf die aktuelle Situation aus. Denn dann wird das, was sonst nie ein Problem war, zur Hürde, die Sie umschiffen müssen, aber nicht können.

Am ehesten merken Sie, ob Sie weniger Frustrationstoleranz haben als sonst, wenn Sie schnell aus der Haut fahren und so überfordert sind, dass Sie mit Verzweiflung kämpfen. Vielleicht sind Sie dann selbst überrascht, weil Sie normalerweise nicht der Typ sind, der verzweifelt ist.

3. Die Dauer des Zustandes

Nehmen wir an, Sie arbeiten nun schon seit vielen Wochen an der Reparatur, doch weitergekommen sind Sie nicht. Möglicherweise ist das Gerät sehr wohl zu reparieren und alle Ersatzteile liegen Ihnen auch vor. Aber da das Gerät so groß ist, müssen Sie erst sehr viele Teile abschrauben, ehe Sie zum Kern des Problems vordringen. Und das dauert EWIG.

Irgendwann haben Sie keine Lust mehr. Aber da das Gerät wichtig für Ihr Überleben ist, müssen Sie weitermachen. Es bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig. Sie sind frustriert, weil Sie merken, dass viele Dinge liegen bleiben, die Sie auch noch erledigen müssen. Und außerdem schwindet Ihr Optimismus, Sie fangen an daran zu zweifeln, ob Sie es überhaupt noch hinbekommen können.

Je länger ein Zustand dauert, der nicht gleich als Krise verstanden wird, der aber viel Energie von Ihnen einfordert, umso eher neigen Sie dazu, frustriert zu sein und die Situation negativ zu bewerten. Damit beeinflusst die Dauer eines solchen Zustandes die schon genannten Faktoren Bewertung und Frustrationstoleranz.

Krise erkennen durch Kombination aller Faktoren

Letztlich ist es so, dass die obigen Faktoren für sich alleine genommen nicht unbedingt eine Krise definieren. Erst wenn man alle Faktoren gemeinsam betrachtet und erkennt, dass sie sich gegenseitig beeinflussen, erkennen Sie die Krise.

Häufiger ist es aber, dass Krisen nicht als solche erkannt werden. Erst nach einiger Zeit, nachdem viele Dinge zusammengekommen sind, kommt man auf die Idee, von Krise zu sprechen. Manchmal kann auch erst im Rückblick eindeutig gesagt werden: „Das war meine persönliche Krise“.

Es zeigt sich auch, dass Situationen dann schwerer zu überstehen sind, wenn frühere Situationen eher schlecht überwunden wurden. Man kann davon ausgehen, dass das Überstehen einer Krisensituation dem Menschen Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt, die es ihm leichter machen, spätere Krisen besser zu meistern. Bleibt dieser Entwicklungsschritt aber aus, dann fehlen wichtige „Werkzeuge“, um kommende Situationen gut zu bewältigen.

Dieses Blog behandelt verschiedene Themen, die mir in meiner Arbeit mit meinen Klienten immer wieder unterkommen. Krisen, die Suche nach Stärken, der Umgang mit Schwächen, schwierige Entscheidungen treffen, Verhalten verändern, emotionalen Abstand gewinnen - all das treibt meine Klienten um. Dieses Blog ist ein Sammelwerk der Dinge, denen ich in meiner Arbeit begegne. Haben Sie Fragen zu meinen Artikeln oder Themenwünsche, dann schreiben Sie mir! Ich würde gerne erfahren, was Ihnen beim Lesen meiner Artikel durch den Kopf geht.